Der Geist wird euch in die ganze Wahrheit führen

Pfingstgedanken von Jürgen Eberle

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Information und Wahrheit

"Das Wissen nimmt zu – die Wahrheit nimmt ab“, schrieb vor Jahrzehnten Romano Guardini in seinem Buch „Ende der Neuzeit“. Er wies damit auf ein Problem hin, das heute eher noch größer und bedrängender geworden ist: Die Informationsflut wächst, die Bildung krankt, und der Glaube schwankt. Ein Mehr an Information bedeutet nicht unbedingt ein Mehr an Wahrheit und Erkenntnis, und weise machen uns Infos noch lange nicht!

Auf der anderen Seite stehen wir unabänderlich vor den grundlegenden Fragen unserer Existenz. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sie einmal so ausgedrückt: „Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“ (Nostra Aetate,1)

In diese Situation hinein ist uns gesagt: Der Heilige Geist „wird euch in die ganze Wahrheit führen“. Die Wahrheit erscheint wie das Gelobte Land, in das wir hineingeführt werden sollen, um dort definitiv zuhause zu sein. Und so ist es tatsächlich mit der Wahrheit Gottes, mit der Wahrheit des Evangeliums. Sie ist wie der Atem, der uns leben lässt. Sie befreit und schenkt uns ein Glück und eine Seligkeit, die nicht mehr vergehen können. Es ist die Wahrheit des Menschensohnes, eine Wahrheit, die sich offenbart, die uns ruft, uns liebt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Wie Jesus selbst am Ostertag den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus die Heilswahrheit aufschließt, so tut dies nach der Himmelfahrt Jesu der Heilige Geist, der über die Kirche ausgegossen ist und den wir alle empfangen haben.

Der Beistand, der Geist der Wahrheit

„Wenn der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht“ (Joh 15,26). Jesus sendet uns als Beistand den Heiligen Geist. Dieses Wort, das hier mit „Beistand“ übersetzt wird, „Paraklet“, kann verschiedene Bedeutungen annehmen: Fürsprecher, Anwalt, Tröster, Beistand.

In welcher Weise steht uns der Heilige Geist bei? Im Umfeld unseres heutigen Evangeliums werden fünf bedeutsame Aussagen über den göttlichen Beistand getroffen:

Der Heilige Geist wird immer bei uns bleiben (14,16f) Er wird uns alles lehren und uns an alles erinnern (14,26). (Diese Erinnerung und Vergegenwärtigung ist sehr notwendig, da wir recht schnell das Entscheidende aus den Augen verlieren.) Er wird Zeugnis ablegen über den himmlischen Vater und den Sohn, und in seiner Kraft werden auch die Jünger Zeugnis ablegen (15,26f) Er wird zeigen, was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist (16,7-11) Er wird uns in die ganze Wahrheit führen (genauer: in der ganzen Wahrheit leiten) (16,13) Der letzten Aussage begegnen wir besonders in unserem heutigen Evangelium. Was meint diese Botschaft? Die „ganze Wahrheit“ ist die volle, unversehrte Heilsbotschaft, die uns Christus verkündet hat, ja, die er selber ist. Es geht nicht um Einzelaussagen unseres Glaubensbekenntnisses, sondern um die ganze Offenbarung Christi unseres Herrn, um den in ihm erschlossenen Sinn unseres Daseins. Diese Wahrheit gibt es nur im Singular. Auf die skeptische Pilatus-Frage: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,37) gibt der Heilige Geist uns die Antwort.

Der Heilige Geist lässt uns unser Leben mit den Augen Jesu sehen.Er schenkt uns die rechte Glaubenssicht, nicht nur wie eine Sehhilfe zum besseren Sehen, sondern eher überhaupt als das Auge für die Dinge Gottes! „Glauben bedeutet ja, die Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht, und – nach den Worten des Psalms: „In deinem Licht schauen wir das Licht“ (Ps 36, 10) – die Sichtweise Gottes von der Welt und den Menschen teilen (Johannes Paul II., Botschaft zum Weltjugendtag 1998). In der Pfingstsequenz beten wir: „Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele Grund.“

Der Geist der Wahrheit macht das Wort Gottes in uns lebendig. Verstehen und deuten können wir das biblische Wort nur durch den Heiligen Geist. Wie sollten wir Gottes Wirken erfassen können ohne den Geist Gottes, der uns mitgeteilt wird? „Wir haben ... den Geist empfangen, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist“ (1 Kor 2,12). Auch deswegen muss die Heilige Schrift zuerst und vor allem „in dem Geist gelesen“ werden, „in dem sie geschrieben wurde“ (2. Vatik. Konzil, Dei Verbum, 12). Die Bibel wäre bloß historisches oder bloßes Weisheitswort, bliebe also ein geistlich totes Wort, wenn sie nicht durch die Kraft des Heiligen Geistes zum Wirken gebracht würde.

Die Wahrheit tun

Der Geist der Wahrheit schenkt uns nicht nur die wahre Erkenntnis der Dinge. Er führt uns in eine tiefe Einheit mit Christus. Und er lässt uns „in der Wahrheit wandeln“ (2 Joh 4; 3 Joh 3f) und „die Wahrheit tun“ (Joh 3,21; 1 Joh 1,6).

Wahr ist vor allem einer: Gott – weil er Leben, Licht und Liebe ist. Wahrheit ist unüberholbare Sinn- und Existenzfülle. Im Glauben an Christus gewinnen wir Anteil an ihr. Und das Sich-Einlassen auf die endgültige in Christus sich offenbarende Wahrheit bedeutet Lebensentscheidung, Lebensanschluss, wie es unübertroffen das Bildwort vom Weinstock und den Rebzweigen deutlich macht. Und umgekehrt: Wer dieser Wahrheit sich verschließt, ist vom Leben abgeschnitten. Er ist eigentlich „tot“, auch wenn er noch „lebt“.

Auf unserem Lebensweg als Christen führt uns der Geist der Wahrheit. Zu ihm beten wir mit der ganzen Kirche:

„Komm, Heil'ger Geist, vom ew'gen Thron,  

eins mit dem Vater und dem Sohn; 

durchwirke unsre Seele ganz  

mit deiner Gottheit Kraft und Glanz.

Erfüll mit heil'ger Leidenschaft  

Geist, Zunge, Sinn und Lebenskraft ; 

mach stark in uns der Liebe Macht,  

daß sie der Brüder Herz entfacht.

Lass gläubig uns den Vater sehn,  

sein Ebenbild, den Sohn, verstehn  

und dir vertraun, der uns durchdringt  

und uns das Leben Gottes bringt. Amen.“

(Hymnus zur Terz)