Ewig währt sein Erbarmen

Diese Artikelserie erschien im Laufe des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Die Gedanken können aber auch weiterhin das persönliche Gebet befruchten. „Wie sehr wünsche ich mir“, so Papst Franziskus, „dass die kommenden Jahre durchtränkt sein mögen von der Barmherzigkeit und dass wir auf alle Menschen zugehen und ihnen die Güte und Zärtlichkeit Gottes bringen!“

Opus Dei - Ewig währt sein Erbarmen

Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.[1] Jesus kehrt während seines öffentlichen Lebens zum ersten Mal nach Nazareth zurück und erhebt sich in der Synagoge, um vorzulesen. Man reicht ihm das Buch Jesaja und er trägt diese Passage vor, die sich auf ihn selbst bezieht. Dann setzt er sich und erklärt zur Überraschung aller: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.[2]

Vor ihren Augen steht jener, der von Gott kommt, der Gott selbst ist, der die Sünde der Welt hinweg nimmt[3]. Aber die Landsleute Jesu sind noch nicht soweit, ihn anzunehmen und reagieren mit offener Feindschaft: Sie werfen ihn aus der Stadt hinaus und versuchen, ihn vom Abhang des Berges hinabzustürzen, als wäre er ein falscher Prophet. Jesus aber, so berichtet das Evangelium mit einer geheimnisvollen Wendung, schritt durch die Menge hindurch und ging weg[4]. Jesus geht seinen Weg weiter, denn niemand kann das Herz Gottes aufhalten.

Die Freiheit, die nur Gott geben kann

Indem sie das Jubeljahr ausruft, versteht sich die Kirche als Trägerin dieses nicht aufzuhaltenden göttlichen Impulses: Die Erlösung findet heute statt. Utinam hodie vocem eius audiatis: nolite obdurare corda vestra: Hört heute auf seine Stimme! Verhärtet nicht euer Herz![5] Im Alten Testament ist das Jubeljahr, das alle fünfzig Jahre stattfand, eine Vorwegnahme der Erlösung durch Gott. Wenn siebenmal sieben Jahre vorüber waren[6], begann ein Jahr, in dem die Sklaven frei wurden und jeder zu seinem Grundbesitz und zu seiner Sippe zurückkehrte[7]; denn die Menschen gehören niemandem außer Gott[8]. Wenn ein Wort zusammenfassen sollte, was das Jubeljahr für das Volk Israel bedeutete, dann könnte es „Freiheit“ sein[9].

Freiheit – ist dieses Wort nicht mehr denn je in aller Munde? Und dennoch vergessen wir oft, dass Freiheit im tiefsten Sinn von Gott kommt. Mit seinem erlösenden Leiden und seiner Auferstehung befreit er uns von der schlimmsten Sklaverei: der Sünde. Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die im Finstern sitzen und im Schatten des Todes, und unsere Schritte lenken auf den Weg des Friedens.[10]

Die Quelle wahrer Freiheit findet sich in Gottes Erbarmen. Einer rein irdischen Logik erscheint diese Aussage naiv. Man gibt vielleicht zu, dass ein wenig Barmherzigkeit die zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern könnte, aber erst, nachdem viele andere, dringendere Probleme gelöst sind. Die Barmherzigkeit an die erste Stelle zu setzen, „ist, menschlich gesprochen – verrückt, aber das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen (1 Kor 1, 25)“[11]. Die Welt braucht die Barmherzigkeit, um die Spirale von Ressentiments, Neid und Frustration zu verlassen. Die Familien und die Gesellschaft brauchen sie.

Das Schwache an Gott: Mit der Entscheidung des Sohnes Gottes, Mensch zu werden, ans Kreuz geschlagen und begraben zu werden, keimt in der Welt eine neue Freiheit auf, die nie mehr stirbt. Die glorreiche Auferstehung des Herrn vergegenwärtigt durch die Jahrhunderte hindurch das Gnadenjahr des Herrn[12]. Mit dem Weizen wächst jedoch auch – bis zum Ende der Zeiten – das Unkraut[13]. Zusammen mit den Zeichen echter Befreiung werden in der Geschichte ständig Anzeichen von Sklaverei sichtbar. Der Satan verlangt, uns sieben zu dürfen wie Weizen, aber der Herr hat für Petrus gebetet, dass sein Glaube nicht erlischt, und so stärkt dieser uns im Glauben[14]. Der Welt, die sich nach Freiheit sehnt, ohne sie finden zu können, bietet die Kirche unermüdlich die Barmherzigkeit des Herrn an, die die Freiheit der Kinder Gottes[15] mit sich bringt.

Die Zusammenfassung eines ganzen geistlichen Weges der Kirche

Auf dem Weg der Christen hat inmitten von Licht und Schatten nie die Hilfe der göttlichen Barmherzigkeit gefehlt: Durch den Heiligen Geist, der in der Kirche lebt, mit der realen Gegenwart Christi in der Eucharistie und mit der stets aktuellen Fürsprache der Jungfrau Maria ergießen sich ständig Ströme der Barmherzigkeit in die Welt.[16] Im Jahre 2002 erklärte der hl. Johannes Paul II., der seine zweite Enzyklika, Dives in misericordia, der Liebe Gottvaters zu den Menschen gewidmet hatte, den Sonntag nach Ostern zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit. Er folgte damit einem Vorschlag der hl. Maria Faustyna Kowalska, die er selbst heiliggesprochen hatte. „Es ist wichtig, der Welt dieses Feuer der Barmherzigkeit zu bringen. In der Barmherzigkeit Gottes wird die Welt den Frieden finden“[17].

Benedikt XVI. griff dieses dringende Anliegen seines Vorgängers immer wieder auf. „Wie Schwester Faustyna machte sich seinerseits Johannes Paul II. zum Apostel der göttlichen Barmherzigkeit. Der Abend jenes unvergesslichen Samstags, des 2. April 2005, als er die Augen für diese Welt schloss, war gerade der Vorabend des zweiten Ostersonntags, und viele bemerkten die einzigartige Fügung, die in sich die marianische Dimension – den ersten Samstag des Monats – und jene der göttlichen Barmherzigkeit vereinte. In der Tat hat sein langes und vielgestaltiges Pontifikat hier seinen Kern; seine ganze Sendung im Dienst der Wahrheit über Gott und den Menschen und des Friedens in der Welt lässt sich in dieser Verkündigung zusammenfassen.“[18] Auch in der Prälatur gibt es dieses providenzielle Zusammentreffen: An der Hand Mariens, Mater misericordiae, geht das Marianische Jahr der Familie zu Ende und beginnt das Jahr der Barmherzigkeit.

„Das Antlitz Gottes – sagte Papst Franziskus bei seinem ersten Angelus – ist das eines barmherzigen Vaters, der immer geduldig ist“[19]. Die Entschiedenheit, mit der der Heilige Vater von der Barmherzigkeit spricht, hat ihre Wurzeln in seiner eigenen Berufung. Von daher ist sein bischöfliches Motto, »miserando atque eligendo« sehr sprechend, das er beibehielt, als er auf den Stuhl Petri gewählt wurde. Es sind Worte, die auf die Berufung des Matthäus anspielen: Jesus sah ihn mit viel Liebe an und erwählte ihn.

„Aus dem Herzen der Dreifaltigkeit, aus dem tiefsten Inneren des göttlichen Geheimnisses entspringt und quillt ununterbrochen der große Strom der Barmherzigkeit“[20]. Die Entscheidung des Papstes, ein Jahr der Barmherzigkeit auszurufen, fasst letztendlich einen ganzen geistlichen Weg der Kirche zusammen, greift einen Impuls des Heiligen Geistes für unsere Zeit auf. Am Tag, nachdem er die Heilige Pforte der Peterskirche geöffnet hatte, erklärte der Papst: „Die Kirche braucht diesen außerordentlichen Moment. In unserer Zeit, in der ein tiefgreifender Wandel stattfindet, ist die Kirche aufgerufen, ihren besonderen Beitrag zu leisten und die Zeichen der Gegenwart und der Nähe Gottes sichtbar zu machen. Und das Jubiläumsjahr ist eine günstige Zeit für uns alle, um die göttliche Barmherzigkeit, die über alle menschlichen Grenzen hinausgeht und das Dunkel der Sünde überstrahlt, zu betrachten und so zu überzeugteren und fruchtbareren Zeugen zu werden.[21]

Die Pforte der Barmherzigkeit

Dankt dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig.[22] Bei der ÖffnungHeiligen Pforte im Petersdom wurde der Psalm 117 (118) gesungen, der mit diesem Vers beginnt und endet. Mit dem Motiv der Barmherzigkeit verbindet sich das der Tür: Öffnet mir die Tore zur Gerechtigkeit, damit ich eintrete, um dem Herrn zu danken. Das ist das Tor zum Herrn, nur Gerechte treten hier ein.[23]

Rein pragmatisch gesehen, ist eine Tür einfach nur ein Durchgang, der zwei Bereiche trennt bzw. verbindet. Die Tür selbst scheint keine weitere Bedeutung zu haben. Bedeutsam sind vielmehr die angrenzenden Bereiche, nicht die Tür. Und dennoch lädt das heilige Jahr uns ein, bei diesem Motiv zu verweilen, es als Symbol unseres Lebens, unserer Pilgerschaft auf Erden, zu sehen und zu bedenken, was es bedeutet, diese Schwelle der Hoffnung zu überschreiten, um es mit einem vom hl. Johannes Paul II. gern verwendeten Ausdruck zu sagen.

In der Heiligen Schrift hat die Tür große symbolische Bedeutung: vom Eingang des Zeltes, in dem Abraham sitzt, als er den Besuch Jahwes empfängt[24], über den Eingang des Offenbarungszeltes, wo Moses mit Gott von Angesicht zu Angesicht sprach[25], bis zu den Stadttoren der großen Vision Ezechiels[26]. Alle diese Bezüge fließen in die Szene des Johannesevangeliums ein, als der Herr sich selbst die Tür zu den Schafen[27] nennt.

Die Heilige Pforte erinnert uns besonders lebendig daran, woher die Erlösung kommt: vom Schafstall Gottes, vom Raum Gottes, in den er uns einlädt einzutreten. Wie der Soldat, der Wache steht, so müssen wir vor den Toren Gottes stehen. Das ist Gebet! Oder wie ein Hund zu Füßen seines Herrn liegt, so bergen wir uns bei Gott.[28] Die Erlösung besteht nicht in dem, was wir tun können, sondern in dem, was Gott für uns tut. „Für den Menschen kann es keine andere Quelle der Hoffnung als das Erbarmen Gottes geben“[29].

Manchmal denken wir Menschen, dass es in Wirklichkeit keine Tür zur Lösung unserer Probleme gibt, sogar wenn es sich um kleinere Nöte handelt. Wir versuchen einfach, unsere Ängste und Schwierigkeiten mehr schlecht als recht zu überstehen. Wir geben ihnen lieber erst gar keinen Namen und vermeiden, zu sehr an sie zu denken… Und selbst, wenn es uns schlecht geht, glauben wir nicht, dass Gott unsere Schwierigkeiten lösen könnte. Mehr mit Taten als mit Worten sagen wir ihm häufig: Ich will nicht ewig leben. Lass mich; denn nur ein Hauch sind unsere Tage.[30]

Und trotzdem kommt Gott denen entgegen, die ihn nicht suchen[31] und lädt uns ein, der Hoffnung die Tür zu öffnen. Das Jubiläumsjahr ist „ein Heiliges Jahr, um in uns die Freude tiefer zu verspüren, dass wir von Jesus wiedergefunden wurden, der als Guter Hirt gekommen ist, uns zu suchen, weil wir uns verirrt hatten“[32].

Was Gott am meisten gefällt

Wir befinden uns daher an der Schwelle der Zeit, in der wir die befreiende Kraft der göttlichen Barmherzigkeit besonders erfahren können, da sie uns unsere Sünden vergibt und uns für die anderen Menschen öffnet. „Dieses Jubiläumsjahr ist also ein hervorragender Augenblick für die Kirche zu lernen, einzig und allein das zu wählen, »was Gott am meisten gefällt«. Und was ist es, das »Gott am meisten gefällt«? Seinen Kindern zu vergeben, ihnen Barmherzigkeit zu erweisen, damit sie ihrerseits den Brüdern vergeben können und wie Fackeln der Barmherzigkeit Gottes in der Welt erstrahlen können. Das ist es, was Gott am meisten gefällt.“[33]

Die Versöhnung mit Gott, die uns in der Beichte geschenkt wird, dem Sakrament, das im Zentrum des Jubiläumsjahres steht[34], öffnet eine Tür, um die Menschen unseres Umfelds in unser Leben eintreten zu lassen. Denn die Barmherzigkeit Gottes ist kein Schutzmantel, der unsere Erbärmlichkeiten überdeckt, ohne etwas an unserem Leben zu ändern. Im Gegenteil, seine Barmherzigkeit wandelt uns ganz um, sie macht uns zu Menschen, die so barmherzig sind wie der Vater[35]. Das sind wir, wenn wir dem vergeben, der uns verletzt hat oder wenn wir uns für ein Werk der Barmherzigkeit einsetzen, wenn wir die erlösende Botschaft des Evangeliums jemandembekanntmachen, der weit entfernt von Gott lebt. Wenn wir uns der Barmherzigkeit Gottes nähern, dann werden wir notwendigerweise selbst zu Boten seines Erbarmens für unsere Umgebung. Das Herz des Herrn ist ein barmherziges Herz, das sich der Menschen erbarmt und zu ihnen kommt. Unsere Hingabe, unser Dienst an den Menschen, ist ein Zeichen dieser Barmherzigkeit Gottes, nicht nur uns gegenüber, sondern für die ganze Menschheit.[36]

Carlos Ayxelà


[1] Jes 61, 1-2 (vgl. Lk 4, 18-19).

[2] Lk 4, 21.

[3] Vgl. Joh 1, 29.

[4] Lk 4, 30.

[5] Ps 95, 7-8.

[6] Lev 25, 8.

[7] Vgl. Lev 25, 10. 39ff.

[8] Vgl. Lev 25, 55.

[9] Vgl. Lev 25, 10.

[10] Lk 1, 78-79.

[11] Papst Franziskus, Audienz, 09.12.15.

[12] Lk 4, 16.

[13] Vgl. Mt 13, 24-30.

[14] Vgl. Lk 22, 31.

[15] Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 297; vgl. Gal 5, 1.

[16] Brief des Vaters, 4.11.15, Nr. 4.

[17] Hl. Joh. Paul II., Homilie, 17.8.2002.

[18] Benedikt XVI., Angelus, 30.3.2008.

[19] Papst Franziskus, Angelus, 17.3.13.

[20] Papst Franziskus, Bulle Misericordiae Vultus, Nr. 25.

[21] Papst Franziskus, Audienz, 9.12.15.

[22] Ps 118, 1. 29.

[23] Ps 118, 19-20.

[24] Vgl. Gen 18, 1.

[25] Vgl. Num 12, 5.

[26] Vgl. Ez 48, 31.

[27] Joh 10, 7.

[28] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 73.

[29] Hl. Joh. Paul II., Homilie, 17.8.2002.

[30] Ijob 7, 16.

[31] Hl. Josefmaria, Die Kirche lieben, Nr. 39.

[32] Papst Franziskus, Homilie, 11.4.15.

[33] Papst Franziskus, Audienz, 9.12.15.

[34] Vgl. Franziskus, Bulle Misericordiae Vultus, Nr. 17.

[35] Vgl. Lk 6, 36.

[36] Hl. Josefmaria, Brief 24.03.1930.