In Freiheit erziehen - Die Bedeutung des Vertrauens

Das Vertrauen, das man uns entgegenbringt, bewegt uns zum Handeln. Spüren wir hingegen, dass man uns misstraut, lähmt uns das. Es ist daher sehr gut den Kindern zu helfen ihre Freiheit richtig zu gebrauchen.

Familienleben

Gott wollte freie Lebewesen erschaffen, mit all den damit verbundenen Folgen. Als guter Vater hat Er uns die Grundregeln - das Sittengesetz - gegeben, damit wir die Freiheit richtig verwenden können, das heißt so, dass sie zu unserem eigenen Wohl führt. Und deswegen wollte (Er) das Risiko unserer Freiheit eingehen i.

Irgendwie kann man sagen, dass der Allmächtige sich damit begnügt hat, seine eigenen Absichten der Zustimmung des Menschen zu unterwerfen: Gott lässt sich auf unsere Freiheit ein, auf unsere Unvollkommenheit und unser Elend ii, weil Er unsere frei hingegebene Liebe lieber hat als die Sklaverei einer Marionette. Er möchte lieber seine Pläne scheinbar scheitern lassen als unserer Antwort Bedingungen stellen.

Der heilige Josefmaria zitiert im Weg einen “Sinnspruch”, der der heiligen Theresia zugeschrieben wird: «Theresia, ich wollte... Aber die Menschen haben nicht gewollt» iii. Das Kreuzesopfer Christi ist der deutlichste Beweis dafür, wieweit Gott bereit ist, auf die Freiheit der Menschen Rücksicht zu nehmen. Wenn Er bis zum Äußersten gegangen ist - wird ein christlicher Vater denken -, wer bin dann ich, um das nicht auch zu tun?

Die Kinder lieben heißt ihre Freiheit lieben. Das bedeutet aber auch, ein Risiko einzugehen, sich der Freiheit der Kinder auszuliefern. Nur so entwickeln sie sich wirklich selbst. Das geschieht auf eine lebendige, innerliche Weise und nicht automatisch oder als Reaktion auf einen Zwang oder eine äußere Beeinflussung.

So wie eine Pflanze nicht deshalb wächst, weil der Gärtner an ihr zieht, sondern weil sie selbst die Nährstoffe in sich aufnimmt, so entfaltet sich der Mensch in seinem Menschsein in dem Maß, in dem er freiwillig das Vorbild annimmt, das er am Anfang erhält. Wenn die Eltern ihre Kinder wirklich lieben und aufrichtig an ihrem Glück interessiert sind, müssen sie, nachdem sie ihre Ratschläge und Gedanken geäußert haben, in der Lage sein, sich taktvoll zurückzuziehen, damit nichts das große Gut der Freiheit beeinträchtigt, das den Menschen zur Liebe Gottes und zu seinem Dienst befähigt. Sie sollten sich vergegenwärtigen, dass Gott selbst unsere Liebe und unseren Dienst nur in Freiheit will und unsere persönlichen Entscheidungen immer respektiert iv.

EINE ANGESTREBTE UND IN ANSPRUCH GENOMMENE FREIHEIT

Die Freiheit der Kinder anzustreben ist daher weit davon entfernt, mit unbekümmerter Gleichgültigkeit zuzusehen, wie sie diese nützen. Die Vaterschaft setzt bei der Erziehung das fort, was sie bei der Zeugung begonnen hat. Die Freiheit der Kinder zu schätzen bedeutet auch zu wissen sie zu fordern.

So wie Gott es suaviter et fortiter mit dem Menschen macht, müssen die Eltern fähig sein ihre Kinder einzuladen, ihre Fähigkeiten so gebrauchen, dass aus ihnen gute Menschen werden. Vielleicht ergibt sich eine gute Gelegenheit, wenn die Kinder für bestimmte Pläne um Erlaubnis bitten; es kann dann angebracht sein zu antworten, dass sie selbst es sind, die das entscheiden müssen, nachdem sie alle Umstände des Vorhabens erwogen haben. Sie sollen sich aber fragen, ob das, worum sie bitten, für sie wirklich gut ist oder nicht. Dabei soll man ihnen helfen zu unterscheiden, was notwendig und was eine Laune ist, damit sie verstehen, dass es nicht gerecht ist etwas zu vergeuden, was sich viele nicht leisten können, usw.

Der Hinweis auf eine angestrebte und in Anspruch genommene Freiheit kann zur Vorstellung führen, es gäbe eine Art doppelten Willen: man will etwas und man fordert es. Man kann die menschliche Freiheit nicht beanspruchen, wenn man vorweg ihre Folgen nicht haben will, wenn man sie nicht auf sich nimmt und beachtet. Eine richtige Anerkennung der Freiheit setzt also eine geistige Anstrengung und sittliche Forderungen voraus, die dem Menschen helfen sich selbst zu beherrschen, sich zu überwinden. Das ist die Eigenheit jedes menschlichen Wachstums. Die Eltern müssen sich zum Beispiel darum bemühen, dass die Kinder, entsprechend ihrem Alter, gewisse Grenzen beachten. Manchmal kann eine Bestrafung nötig sein, wobei man mit Klugheit und Maß vorgehen, den Grund dafür sagen und selbstverständlich nicht gewaltsam sein soll.

Vertrauen entgegenzubringen und geduldig zu fordern führen zu den besten Ergebnissen. Selbst in dem extremen Fall, dass ein Kind eine Entscheidung trifft, die die Eltern aus guten Grü nden als verfehlt und vielleicht sogar als höchst unglücklich ansehen, hilft der Zwang nicht. Das einzige, was hilft, ist, dem Kind Verständnis entgegenzubringen und ihm weiterhin zur Seite zu stehen, um die Schwierigkeiten zu überwinden und aus jener unglücklichen Entscheidung zumindest noch das Bestmögliche zu machen v.

In jedem Fall besteht die Erziehungsaufgabe darin bestrebt zu sein, dass die Kinder wollen; ihnen letzten Endes die geistigen und sittlichen Hilfsmittel zu geben, damit sie alle fähig sind, aus eigener Überzeugung das Gute zu tun.

ZU KORRIGIEREN VERSTEHEN

Den Menschen und seine Freiheit anzuerkennen bedeutet nicht, alles gutzuheißen, was jemand denkt oder tut. Die Eltern müssen mit den Kindern darüber sprechen, was gut und was besser ist, und manchmal werden sie unvermeidbar den Mut aufbringen müssen, um sie mit dem notwendigen Nachdruck zurechtzuweisen. Da sie ihre Kinder nicht nur achten sondern sie lieben, werden sie nicht jedes beliebige Verhalten tolerieren können.

In den menschlichen Beziehungen gibt es nichts, das weniger tolerant, gleichgültig und nachgiebig ist wie die Liebe. Es ist zwar möglich eine Person mit ihren Fehlern zu lieben, aber es ist nicht möglich sie wegen ihrer Fehler zu lieben. Die Liebe strebt nach dem Wohl des Menschen, sie möchte, dass er sein Bestes gibt und glücklich wird. Und deshalb wird jemand, der liebt, bestrebt sein, dass der andere gegen seine Unzulänglichkeiten ankämpft, und danach verlangen ihm zu helfen sie zu berichtigen.

Ein Mensch besitzt immer mehr gute Seiten - zumindest als Möglichkeit - als schlechte, und diese guten Eigenschaften sind es, die ihn liebenswert machen. Man liebt aber nicht die positiven Eigenschaften, sondern den Menschen, der sie hat, und die er zusammen mit anderen besitzt, die es vielleicht nicht sind. Ein korrektes Verhalten ist fast immer das Ergebnis vieler Zurechtweisungen. Und die werden umso wirksamer sein, wenn sie mit positiver Gesinnung erteilt werden, und wenn vor allem das betont wird, was in der Zukunft besser gemacht werden kann.

Aus dem vorhin Gesagten lässt sich erkennen, dass jede Form der Erziehung die Freiheit des Menschen bewirkt. Genau darin unterscheidet sich die dressurartige Erziehung von der Ausbildung . “In Freiheit erziehen” bedeutet nicht mehr und nicht weniger als “erziehen”.

DIE ERZIEHERISCHE BEDEUTUNG DES VERTRAUENS

Die Ausdrucksweise “in Freiheit erziehen” erlaubt jedenfalls auf die Notwendigkeit hinzuweisen, die Kinder in einem Klima des Vertrauens zu erziehen. Wie bereits gesagt, ist die Erwartungshaltung der anderen in Bezug auf unser Verhalten so etwas wie ein sittlicher Beweggrund für unsere Handlungen.

Das Vertrauen, das uns entgegengebracht wird, bewegt uns zum Handeln. Wenn wir dagegen merken, dass uns misstraut wird, lähmt uns das. Ganz deutlich ist das im Fall der ganz kleinen und der heranwachsenden Kinder zu sehen, die noch dabei sind ihren Charakter auszubilden und die das Urteil der anderen sehr wichtig nehmen.

Vertrauen bedeutet soviel wie Glauben haben, jemandem Glauben schenken, ihn für glaubwürdig halten. Man muss es je nach den Umständen auch zeigen oder dabei bleiben, aber auch vorleben. Das Vertrauen, das dem anderen entgegengebracht wird, hat meist eine doppelte Wirkung: einerseits ein unmittelbares Gefühl der Dankbarkeit, weil man weiß, etwas Gutes erhalten zu haben; andererseits fördert das erwiesene Vertrauen das Verantwortungsgefühl.

Wenn mich jemand um etwas Wichtiges bittet erwartet er, dass ich es ihm geben werde, weil er darauf vertraut, dass ich es ihm geben kann: er hat von mir eine hohe Meinung. Wenn er mir vertraut, so fühle ich mich veranlasst, seinen Erwartungen nachzukommen und für meine Handlungen die Verantwortung zu übernehmen. Jemandem zu vertrauen ist eine sehr tiefgründige Art, ihm einen Auftrag zu geben.

Ein Großteil dessen, was die Erzieher tun können, hängt davon ab, wie gut es ihnen gelungen ist, diese Haltung in den jungen Menschen zu wecken. Besonders die Eltern müssen das Vertrauen ihrer Kinder gewinnen, indem sie es ihnen zuerst selbst schenken. Ab einem gewissen, schon sehr frühen Alter empfiehlt es sich, sie zu ermuntern ihre Freiheit zu nützen. Die Eltern sollen sie zum Beispiel um etwas bitten und ihnen erklären was gut und was schlecht ist. Das wäre jedoch sinnlos, wenn es kein Vertrauen gäbe, dieses gegenseitige Verständnis, das den Menschen hilft ihr Herz zu öffnen. Ohne das ist es schwer, Ziele und Aufgaben vorzugeben, die zur persönlichen Entfaltung beitragen.

Das Vertrauen wird geschenkt, gewonnen, aufgebaut; es lässt sich weder erzwingen noch einfordern. Vertrauenswürdig wird man durch das untadelige Vorbild, das man gibt, und indem man selbst vorangeht und das gibt, was man von den anderen verlangt. So gewinnt man die notwendige moralische Autorität, um von anderen etwas zu verlangen; und man stellt fest, dass eine Erziehung in Freiheit es ermöglicht, die Freiheit heranzubilden.

DIE FREIHEIT HERANBILDEN

Die gute Erziehung kann verstanden werden als ein Ermöglichen der Freiheit , und zwar dahingehend, dass man den Ruf des Wertvollen wahrnimmt – also all dessen, was bereichert und einlädt verbreitet zu werden –, und bereit ist, sich den praktischen Anforderungen zu stellen. Und das gelingt, wenn man sich vornimmt die Freiheit zu nützen und sinnvolle Aufgaben in Angriff zu nehmen.

Jedes Lebensalter hat seine positiven Seiten. Eine der kostbarsten der Jugend ist die Leichtigkeit, mit der sie Vertrauen schenkt und der freundlichen Aufforderung tatsächlich nachkommt. In einer verhältnismäßig kurzen Zeit lassen sich deutliche Veränderungen bei Jugendlichen feststellen, denen man Aufträge gegeben hat, die sie übernehmen können und die sie für wichtig halten: etwa jemandem zu helfen, oder mit den Eltern bei einer Erziehungsaufgabe zusammenzuarbeiten...

Andererseits äußert sich dieses noble Verhalten auf unnatürliche und oft ungestüme Weise jenen gegenüber, die sich darauf beschränken, ihre Launen hinzunehmen. Auf den ersten Blick ist diese Haltung bequemer, aber auf lange Sicht sind die Nachteile viel schwerwiegender; und vor allem hilft es ihnen nicht reif zu werden, weil sie nicht auf das Leben vorbereitet werden.

Wer von klein auf daran gewöhnt ist zu glauben, dass sich alles von selbst und ohne Anstrengung oder Verzicht löst, der wird möglicherweise nicht zur richtigen Zeit reif werden. Und wenn ihn ein Schicksalsschlag trifft – was unvermeidlich ist – wird er vermutlich mit ihm nicht umgehen können. Der Mensch muss seinen Charakter ausbilden; er muss lernen, auf die Ergebnisse eines langen und beständigen Einsatzes zu warten und dem zwanghaften Drang nach sofortiger Erledigung zu widerstehen.

Die vom Genussstreben und ungezügelten Konsum geprägte Atmosphäre, die in vielen Familien der sogenannten “Ersten Welt” - und auch in vielen weniger entwickelten Ländern - herrscht, macht es nicht leicht, den Wert der Tugend zu verstehen oder zu begreifen wie wichtig es ist, auf eine Befriedigung zu verzichten, um ein höheres Gut zu erlangen.

Trotz dieser widrigen Umstände weist jedoch der Hausverstand deutlich auf die Bedeutung der Anstrengung hin. Heutzutage ist das zum Beispiel vor allem in Bezug auf die Sportkultur festzustellen, in der jemand, der eine Medaille gewinnen möchte, bereit sein muss, ein langes und hartes Training auf sich zu nehmen.

Ganz allgemein muss derjenige, der fähig ist aus eigenem Antrieb gute Dinge anzustreben, bei denen sich der Einsatz wirklich „lohnt“, darauf vorbereitet sein, wichtige Aufgaben in Angriff zu nehmen (aggredi) und sich beharrlich weiter anzustrengen, wenn Mutlosigkeit und Schwierigkeiten auftreten (sustinere). Diese beiden Seiten der Tugend der Stärke verleihen die moralische Kraft, um sich nicht mit dem bereits Erreichten zufrieden zu geben und weiter zu wachsen, um besser zu werden. Heute ist es besonders wichtig mit Sprachengabe darauf hinzuweisen, dass jemand, der diese moralische Kraft besitzt, freier ist als jemand, der sie nicht hat.

Wir sind alle aufgerufen, diese moralische Freiheit zu erlangen , die man nur mit einer sittlich guten Verwendung des freien Willens – und nicht mit jedem beliebigen Gebrauch - erlangen kann. Das verlangt von den Erziehern, besonders von den Eltern, auf überzeugende Weise zu zeigen, dass der wirklich menschliche Gebrauch der Freiheit nicht so sehr darin besteht, das zu tun, was einem gefällt, sondern das Gute zu tun, weil wir es so wollen , wie der heilige Josefmaria zu sagen pflegte, einen übernatürlicheren Grund gibt es nicht vi.

Das ist der Weg, um sich aus dem erstickenden Klima des Verdachts und des sittlichen Zwangs zu befreien, die es unmöglich machen, die Wahrheit und das Gute in Ruhe zu suchen und sie mit ganzem Herzen anzunehmen. Es gibt keine größere Blindheit als die eines Menschen, der sich von seinen Leidenschaften und „Gelüsten“ (oder der Unlust) leiten lässt. Wer nur fähig ist, nach dem zu trachten, was ihm zusagt, ist weniger frei als jemand, der nicht nur in Gedanken sondern auch mit Werken ein schwer zu erreichendes Gut erstreben kann.

Es gibt kein größeres Unglück als das eines Menschen, der etwas Gutes anstrebt, sich aber nicht für kräftig genug hält, es zustande zu bringen. Denn die Freiheit erhält ihren vollen Sinn erst dann, wenn sie im Dienst der erlösenden Wahrheit ausgeübt wird, wenn sie aufgeht im Verlangen nach der unendlichen Liebe Gottes, die die Fesseln jeder Knechtschaft von uns nimmt vii.

J.M. Barrio

i Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 113.

ii Ebd.

iii Vgl. Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 761.

iv Hl. Josefmaria, Gespräche mit Mons. Escrivá de Balaguer, Nr. 104.

v Ebd.

vi Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 17.

vii Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 27.